Wenn Augen nicht wären.

Wenn Augen nicht wären,

könnte ich für immer mutig bleiben.

Dann müsste ich die Augen und mich selbst nicht verschließen,

sondern könnte mich Problemen stellen, Tatsachen ins Augen sehen,

und die Zeit würde mich nicht mehr das Fürchten lehren.

So könnten doch die Tage dahin ziehen, die Stunden, Minuten und Sekunden mich auffressen und ihre Narben auf mir hinterlassen;

unbekümmert ginge ich weiter, wohlwissend, dass der Tribut, den sie von mir gefordert hatten, ein Leben lang anhalten würde.

Aber ich weiß doch nicht, wie lang

Aber ich weiß doch nicht, warum

Aber ich weiß doch nicht, wie

Und wenn Augen nicht wären,

dann könnte ich fallen,

denn der Sturz ins Ungewisse ist beruhigender, als den Abgrund zu sehen

Und es würde den Schmerz doch erheblich lindern, fiele ich und sähe nicht

das Ausmaß einer zerbrochenen Summe staubiger Atome,

so zerrisse man mir nicht das Herz, Stück für Stück, verforme es mir,

diese Masse; das kleine Monster, das es frisst,

als sei es nichts weiter als Marzipan.

Und wenn Augen nicht wären, dann könnten wir einander erkennen,

wie wir sind, weil wer wir sind bleibt,

verborgen hinter der stetigen Veränderung, die das wie wir sind mit sich bringt

Geborgen in den kleinen schwachen Marzipanherzen,

als letzter Rettungsring, wenn es beinahe unmöglich erscheint den Kopf noch über Wasser zu halten, den wir scheinen täglich zu ertrinken, in der Sucht danach, das ominöse Wer zu definieren, statt uns mit dem Wie zu beschäftigen.

Mein Marzipanherz schlägt.

Und deines auch.

Ich schließe nun die Augen und mache mich breit. Offen. Ein wenig mehr als nur schläfenweit,

und ich lache laut, weil ich so blind bin und endlich sehen kann, all jene Farben, die man vereinheitlicht hatte, durch Repression, dabei sind sie doch so wunderschön;

offen für das Gefühls des Wie,

die Zeit und das Leben und die Liebe und die Freundschaft und die Differenz, die zur Gleichheit mutiert und die Vergebung und die Freude und das Licht und die Ehrlichkeit und die wahren Unterschiede,

tief in uns drin,

verborgen hinter zu viel falschem Humor, und bröckelnder Fassade, die man uns nur allzu gerne abnimmt,

nur um sich nicht mit Wahrheiten zu beschäftigen,

damit alles einfach bleibt,

und es keine Kanten gibt, an denen wir anecken können,

die uns suggerieren, dass wir glücklich sein können.

Unsere Augen, als Portal in unsere tiefsten Abgründe, wahrscheinlich

doch nur der subtile Goldene Schuss, des Verstands,

der sich auflöst, und uns nach und nach im Stich lässt,

da ihm die Suche nach Richtig zu ermüdend erschien und wir uns fortan nur noch auf Halbwahrheiten und trügerische traurige Konjunktive konzentrierten,

als erleichtere dies das Atmen,

unter all dem Müll in dem wir verschwinden.

Und der uns erdrückt, langsam die Luft abschnürt,

nur weil wir einmal zu lange

den falschen Blickwinkel

auf das falsche Geschehen hatten.

Mit vermeintlicher Weltoffenheit, mit den Augen

so weit aufgerissen

und auf solch tragische Art und Weise blind,

für die wahren Unterschiede, die Geheimnisse einer jeden Identität,

die ich nur erkennen kann,

wenn sich meine Augen nicht wehren.

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