Ein glatter Bruch

Dein Gesicht ist hart. Aus Stein gemeißelt. Diese Augen.

So kalt.

Deine Stimme ist monoton, du sprichst langsam. Als seist du bedacht darauf mich nicht zu verletzen. Oder auch nur um genau die richtigen Worte zu finden. Nichts an ihnen war missverständlich. Der Abgrund zwischen uns reißt ein.

Ich kann nichts tun. Ich bin wie gelähmt. Mein Hirn betäubt.

Du sagst, es war mein Fehler. Du sagst, es sei meine Schuld. Du sagst, ich hätte es ändern können.

Aber ich weiß doch nicht wie. Früher hättest du mir das gesagt.

Heute schreien wir und ich weine und du schreist noch lauter und dann schreie wieder ich und was dabei herauskommt ist ohrenbetäubendes Schweigen. Du bist mir fremd. Dieses Gesicht. Diese Augen.

Der Abgrund wird größer, die Schlucht zwischen uns breiter. Du wirst kleiner auf der gegenüberliegenden Seite. Bald bist du nur noch ein schwacher Schemen und irgendwann da werde ich dich gar nicht mehr erkennen könne. Dann bist du ein Teil des großen Ganzen, der Nebelschwaden, die dann und wann über den Horizont streichen und die ich gar nicht mehr wahrnehme.

Wer bin ich noch für dich? Und viel wichtiger: Was bist du eigentlich noch für mich?

Die Antwort macht Angst, ich weiß. Sie ist der einzige Grund, warum wir überhaupt noch schreien, warum wir so krampfhaft versuchen all dies am Leben zu halten. Wenn wir sie laut aussprechen, ist alles vorbei. Also noch ein bisschen retten, was nicht mehr zu retten ist. Und es alles noch verschlimmern.

Was hat sich geändert? Wann bist du mir so fremd geworden? Wann bist du geworden, was du heute bist, oder wann habe ich endlich begriffen, wer du schon immer gewesen bist?

Du bist immer noch da, auf der anderen Seite des Abgrunds.

Dann drehst du dich um.

Und du gehst.

Du hast deine Entscheidung getroffen.

Vielleicht war der Abgrund schon immer da. Vielleicht hattest du schon immer dein eigenes Leben auf der anderen Seite gehabt und ich war nur ein Besucher gewesen. War leichtfüßig über die Schlucht gesprungen, wann immer es mir beliebt hatte. Heute ist das unmöglich geworden. Der Abgrund ist zur Grenze geworden und meine Glieder so schwer. Du hast es so gewollt.

Es war nicht mein Fehler. Es war nicht meine Schuld. Und ich hätte es nicht ändern können.

Und ich weiß auch jetzt nicht wie. Und vielleicht will ich es gar nicht ändern, weil ich mich an die Distanz gewöhnt habe, sie gefällt mir. Ich brauche sie. Die Nähe ist mir zuwider geworden.

Wir schreien nicht mehr. Das haben wir sein gelassen. Das Schweigen und die Stille gefallen mir auch. Sie entspannen mich. Erinnern mich daran, wer ich bin und daran, wer du mich nie sein gelassen hast.

Du drehst dich also um, weil du hast deine Entscheidung getroffen. Und damit auch meine. Aber darüber kann ich großzügig hinwegsehen. Ich hebe noch stumm die Hand, wie zum Gruß. Aber das ist der Abschied. Ein glatter Bruch. Es wird schnell heilen. Wehmut überkommt mich. Ein Viertel Lebenszeit zieht von dannen. Zeit ist kostbar. Aber ich kann sie fortlächeln, fortstreichen, wie eine lästige Fliege. Es tut noch nicht einmal weh. Ich trete einen Schritt vom Abgrund zurück und dann noch einen. Du gehst schnellen Schrittes. Ich drehe mich um. Dann mache ich das selbe.

Ein letzter Blick über die Schulter und du bist nicht mehr zu sehen.

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