Niemand und Jemand

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr ich bin? Wenn ich mich vollends verloren habe, Stück für Stück, und ich nicht mehr begreifen kann, warum mein Herz so gebrochen ist, unfähig noch zu lieben, weil der Schmerz so erdrückend ist.

Wer bin ich, wenn da niemand mehr ist?

Dann ist Niemand noch da und das ist gut so. Das fühlt sich richtig an. Ich bin Niemand egal aber wenigstens bleibt er. Niemand lässt mich nie im Stich.

Niemand hält mich, wenn sonst niemand da ist.

Niemand, warum bist du eigentlich hier?

Niemand, was willst du eigentlich von mir? Womit habe ich dich verdient?

Niemand, heute gibt es Geschenke. Geschenke für dich. Weil du bist der einzige, der mich nie enttäuscht hat. Kein einziges Mal. Meine gesammelten Werke, mein Leben, ich- jetzt ist alles dir. Ich lege das, was von meiner kleinen Welt übrig blieb, in deine Hände.

Niemand, sieh her. Ich schrumpfe ein. Hand wird Fuß- wo steht mir der Kopf? Die Welt dreht sich.

Bald bin ich nichts mehr. Du frisst mich auf. Mit Haut und Haar. Aber es tut gar nicht weh. Ich bin dir dankbar dafür, dass du es tust. Dann muss ich nicht darüber traurig sein, dass niemand außer dir da ist, Niemand.

Einmal gab es auch Jemanden. Aber er ist nicht so lange geblieben wie du. Er hatte keine Geduld. Er hat versucht mich wichtig zu nehmen. Mich mit offenen Armen aufzufangen. Aber ich sprang daneben. Und als jemand ging, da fiel ich tief. Am Grund aufgekommen, bin ich noch nicht. Zumindest weiß ich nun, dass du mit mir fällst.

Ich werde nicht alleine zerbrechen und in tausend Einzelteile zerbrechen.

Niemand kennt mich wie du, Niemand.

Niemand kennt meine dunkelsten Abgründe, meine größten Ängste, niemand weiß, was mich glücklich macht, niemand ist bei mir in meinen größten Momenten, damit ich mich irgendwann nicht alleine erinnern muss.

Niemand ist da, außer dir Niemand.

Du bist mein treuester Freund, mein Schatten. Ich weiß, dass du mir auf Schritt und Tritt folgst. Du nimmst mir die Angst. Du hältst meine Hand, wenn ich mich fürchte.

Was tät‘ ich nur, gäbe es dich nicht.

Bitte verlass‘ mich niemals, Niemand.

Tu es nicht so, wie Jemand es getan hat.

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Stark sein.

Ich bin himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.

Und ich bin träge, dann hysterisch und im nächsten Moment schon bin ich so unglaublich verletzlich. Ich bin laut- ich sage, was ich denke. Und ich bin anstrengend. Ich bin eine lebensgroße Babyborn und ich möchte den ganzen Tag lieb gehabt werden, ich lechze förmlich danach aber ich möchte auch unter keinen Umständen in meinem persönlichen Freiraum eingeschränkt werden.

Wäre ich nicht ich, würde ich mich selbst hassen.

Manchmal muss man mir aufhelfen, mich führen, mir die Augen öffnen, weil ich auf solch tragische Weise blind sein kann. Manchmal muss man mir sagen, dass ich ein Idiot bin. Manchmal muss man mich ermahnen, dass ich ein wenig mehr an mich selbst als an andere denke.

Dafür brauche ich meine Freunde. Ich brauche meine besten Freundinnen, denen ich von meinem Tag erzählen kann, mit denen ich lästern und lachen kann, bis mir die Tränen die Wangen hinunterlaufen. Und vor allem brauche ich sie um einfach mal runterzukommen und wieder ich selbst zu sein. Die Talisha, die ich sein möchte. Wir mögen sagen, dass wir im Grunde niemanden brauchen und alleine zurechtkommen. Sind wir jedoch ehrlich, dürfte uns selbst klar werden, dass der Mensch, entgegen aller wissenschaftlichen Feststellungen, kein Einzelkämpfer ist. Dafür fürchtet er die Einsamkeit zu sehr, fürchtet es zu sehr sich einmal alleine erinnern zu müssen, oder auch gar nichts zu haben, dessen es sich zu entsinnen lohnen würde. Wir wollen immer stark sein. Das ist ja schließlich unser Leben, natürlich kriegen wir das alleine hin.

Ich will immer stark sein.

Aber was wir nicht begreifen, was ich lange Zeit nicht begreifen konnte, ist, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sondern von tiefempfunden Vertrauen und vor allem von Stärke, sich manchmal, wenn man nicht mehr kann, einfach fallenzulassen, wohlwissend: Hinter mir steht jemand und er wird mich auffangen.

Manchmal müssen wir uns eben gegenseitig durch dieses Leben tragen, schieben und wenn es sein muss auch zerren, um es ein klein wenig erträglicher zu machen.

Ein glatter Bruch

Dein Gesicht ist hart. Aus Stein gemeißelt. Diese Augen.

So kalt.

Deine Stimme ist monoton, du sprichst langsam. Als seist du bedacht darauf mich nicht zu verletzen. Oder auch nur um genau die richtigen Worte zu finden. Nichts an ihnen war missverständlich. Der Abgrund zwischen uns reißt ein.

Ich kann nichts tun. Ich bin wie gelähmt. Mein Hirn betäubt.

Du sagst, es war mein Fehler. Du sagst, es sei meine Schuld. Du sagst, ich hätte es ändern können.

Aber ich weiß doch nicht wie. Früher hättest du mir das gesagt.

Heute schreien wir und ich weine und du schreist noch lauter und dann schreie wieder ich und was dabei herauskommt ist ohrenbetäubendes Schweigen. Du bist mir fremd. Dieses Gesicht. Diese Augen.

Der Abgrund wird größer, die Schlucht zwischen uns breiter. Du wirst kleiner auf der gegenüberliegenden Seite. Bald bist du nur noch ein schwacher Schemen und irgendwann da werde ich dich gar nicht mehr erkennen könne. Dann bist du ein Teil des großen Ganzen, der Nebelschwaden, die dann und wann über den Horizont streichen und die ich gar nicht mehr wahrnehme.

Wer bin ich noch für dich? Und viel wichtiger: Was bist du eigentlich noch für mich?

Die Antwort macht Angst, ich weiß. Sie ist der einzige Grund, warum wir überhaupt noch schreien, warum wir so krampfhaft versuchen all dies am Leben zu halten. Wenn wir sie laut aussprechen, ist alles vorbei. Also noch ein bisschen retten, was nicht mehr zu retten ist. Und es alles noch verschlimmern.

Was hat sich geändert? Wann bist du mir so fremd geworden? Wann bist du geworden, was du heute bist, oder wann habe ich endlich begriffen, wer du schon immer gewesen bist?

Du bist immer noch da, auf der anderen Seite des Abgrunds.

Dann drehst du dich um.

Und du gehst.

Du hast deine Entscheidung getroffen.

Vielleicht war der Abgrund schon immer da. Vielleicht hattest du schon immer dein eigenes Leben auf der anderen Seite gehabt und ich war nur ein Besucher gewesen. War leichtfüßig über die Schlucht gesprungen, wann immer es mir beliebt hatte. Heute ist das unmöglich geworden. Der Abgrund ist zur Grenze geworden und meine Glieder so schwer. Du hast es so gewollt.

Es war nicht mein Fehler. Es war nicht meine Schuld. Und ich hätte es nicht ändern können.

Und ich weiß auch jetzt nicht wie. Und vielleicht will ich es gar nicht ändern, weil ich mich an die Distanz gewöhnt habe, sie gefällt mir. Ich brauche sie. Die Nähe ist mir zuwider geworden.

Wir schreien nicht mehr. Das haben wir sein gelassen. Das Schweigen und die Stille gefallen mir auch. Sie entspannen mich. Erinnern mich daran, wer ich bin und daran, wer du mich nie sein gelassen hast.

Du drehst dich also um, weil du hast deine Entscheidung getroffen. Und damit auch meine. Aber darüber kann ich großzügig hinwegsehen. Ich hebe noch stumm die Hand, wie zum Gruß. Aber das ist der Abschied. Ein glatter Bruch. Es wird schnell heilen. Wehmut überkommt mich. Ein Viertel Lebenszeit zieht von dannen. Zeit ist kostbar. Aber ich kann sie fortlächeln, fortstreichen, wie eine lästige Fliege. Es tut noch nicht einmal weh. Ich trete einen Schritt vom Abgrund zurück und dann noch einen. Du gehst schnellen Schrittes. Ich drehe mich um. Dann mache ich das selbe.

Ein letzter Blick über die Schulter und du bist nicht mehr zu sehen.

Ich bin dann mal weg.

Ich muss mal wieder weg von hier. Alles hier ist so laut geworden. So entsetzlich laut und lästig. Ich kann einen Herzschlag hören. Bumm Bumm. Bumm Bumm. Er schallt in meinen Ohren und da noch einer. Und noch einer. Ich kann eure Gedanken lesen, ich kann euch Denken hören und es ist alles so laut. So entsetzlich laut.

Mir egal wohin. Einfach kurz verschwinden. Im unergründlichen schwarzen Abgrund, der sich plötzlich im Boden auftut, einfach fortfliegen. Ich bin dann mal weg. Und dann will ich auch weg sein.

Alles hier ist so laut geworden und ich viel zu leise. Ich kann schreien und es kommt kaum mehr als ein Flüstern und es ist allen egal, weil es mir selbst so egal geworden ist, ob man mich hört. Einfach mal kurz verschwinden. Niemandem sagen wohin, weil das weiß ich ja selbst noch nicht. Das finde ich irgendwann unterwegs raus. Eine andere Sprache sprechen oder vielleicht auch gar nicht sprechen. Stille genießen. Ich bin dann mal weg. Und dann will ich auch weg sein.

Ich packe meinen Koffer und ich nehme mit- nichts nehme ich mit. Einfach mal kurz verschwinden und alles hier lassen, dann gibt es keine Verpflichtungen, dann kann ich alles hier lassen, dann muss ich auf nichts aufpassen. Noch nicht einmal auf mich selbst. Frei sein. In der Stille. Ich bin dann mal weg. Und dann will ich auch weg sein.

Einfach verschwinden, rosarote Brille aufsetzen und mal ganz kurz vergessen. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Ich-Zeit. Einmal ist keiner sonst wichtig. Einmal bestimme ich selbst. Weil es ist mein Leben und nur meines.

Ich bin dann mal weg und dann will ich auch weg sein.