Die Nacht bricht an. Der Tag beginnt.

Ich würde es zurücknehmen. Ich würde alles zurücknehmen, nur für eine weitere Minute, für einen weiteren Tag. Bei dir.

Für eine weitere Chance.

Ich würde aufgeben. Jeden letzten Atemzug und jeden ersten, nur damit du es noch könntest.

Aber machen wir uns nichts vor. Das Tageslicht verschwimmt am Horizont. Die Nacht bricht an.

Ich habe verloren.

Ich bin wieder ein kleines Kind, auf der Suche nach Schutz und Geborgenheit. Und ich laufe einfach fort, soweit die wunden Füße tragen und ich laufe und ich laufe und ich laufe.

Und irgendwann fliege ich. Fliege hinfort. Du fängst mich auf, wenn ich falle. Das möchte ich glauben, dass du immer noch da bist um mich zu halten, wie du es tatest, als ich noch ein Kind war. Dann wachsen mir die Flügel von selbst, dann muss ich keine Angst mehr haben.

Aber machen wir uns nichts vor. Das Tageslicht verschwimmt am Horizont. Die Nacht bricht an.

Ich habe verloren.

Ich bin wieder ein kleines Kind. Ich mache Fehler und ich muss sie immer wieder machen, damit ich wirklich begreifen kann, was an ihnen so falsch war. Jetzt kann ich es endlich erkennen. Mein größter Fehler war, nicht zu erkennen, was wichtig war, als es noch wichtig sein konnte.

Jetzt ist da nichts mehr. Ich bin kopflos. Wo ist oben, wo ist unten. Ich habe meinen Weg verloren. Die Kompassnadel schlägt wild aus. Wo ist Norden? Wo bin ich?

Du hättest mich eines Tages führen können. Du hättest meine Hand nehmen und mich geleiten können. Damit ich keine Angst haben muss.

Aber machen wir uns nichts vor. Das Tageslicht verschwimmt am Horizont. Die Nacht bricht an.

Ich habe verloren.

Du bist ein ungelöstes Rätsel gewesen. Auch jetzt wissen wir nicht alles. Und möglicherweise werden wir niemals alles wissen und das ist unter Umständen auch ganz gut so. Du bist stark gewesen. Ich bin so schwach. Kann mich nicht halten, kann kaum aufrecht stehen. Wo nahmst du die Kraft her, dem Leben die Stirn zu bieten, während die Welt um dich herum zerfiel? Und das tat sie so oft. Ich bin ein kleines Kind. Ich liege auf dem Boden und weine und schreie, weil ich dich niemals richtig kannte. Die Chance ist verstrichen. Es ist vorbei. Jetzt müssen mir andere sagen, wer du warst. Damit ich dich niemals gänzlich verlieren muss.

Fast ein Jahr ist es her. Ich denke nicht mehr jeden Tag an dich. Du bist ein Teil der losen Gedanken, die durch meinen Kopf jagen und nichts als zerrissene Sequenzen hinterlassen. Und dann sehe ich dein Bild, jemand spricht von dir und die zerrissenen Sequenzen in meinem Kopf werden mit Leben gefüllt. Und das ist ein schönes Gefühl. Du bist immer noch da. Wir tragen dich im Herzen und im Kopf und solange ich kann halte ich dich dort fest.

Vielleicht werde ich das eines Tages nicht mehr können, dennoch hoffe ich es. Und wenn ich es einmal nicht mehr können werde, ist dies der normale Lauf der Dinge. Der Lauf dieses verworrenen menschlichen Lebens, das vom Vergessen wundersamerweise bestimmt ist.

Machen wir uns nichts mehr vor. Das Tageslicht verschwimmt am Horizont. Die Nacht bricht an.

Aber auf jede Nacht folgt ein neuer, strahlender Tag.

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