Die Ballade der Métro. Die Ballade des Lebens.

Die Ballade von der Metro ist einfach.

Der Rhythmus ist einfach. Leicht und eingängig. Du hörst ihn einmal und das nächste Mal erwähnt jemand die Metro und du wirst ihn direkt wieder hören, das leise Hämmern in deinem Kopf.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Und dann weint vielleicht ein Kind. Und vielleicht streitet sich auch jemand. Die Menschen in der Metro denken doch tatsächlich sie dürfen alles.

Es gibt auch kleines und großes Gelächter. An manchen Tagen wirkt es erheiternd, reißt mich aus der routinierten Lethargie. Dann lächle ich auch. An manchen Tagen macht es mich wütend.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Das Kind schreit. Es soll aufhören. Wo sind die Eltern? Wieso beruhigen sie es nicht?

Die Menschen in der Metro denken doch tatsächlich sie dürfen alles.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Menschen steigen aus. Und Menschen steigen ein. Der Ablauf ist flüssig, ein gleichmäßiger Strom. Natürlich stoßen Ellenbogen in Rippen, Obszönitäten fallen, Hände streifen einander. Aber das behindert die Gleichmäßigkeit keineswegs. Viele Gesichter. Blicke streifen den meinen und manchmal denke ich mir, wie es wäre sich in einem Paar Augen zu verlieren. Nur für einen Augenblick.

Aber das ist dumm. Wir sind in der Metro. Ich sitze eingekesselt zwischen einer alten Dame und einem übergewichtigen mittelalten Mann, der schwerfällig atmet. Aber ich bin alleine. Ich sehe diese Gesichter nicht wirklich. An der nächste Station werden sie aussteigen und ich werde den Augenblick vergessen haben, indem sich unsere Blicke kurz gestreift haben. Ihre Gesichter werden mir fremd sein und das nächste Mal, wenn ich sie irgendwo sehen werde, vielleicht sogar außerhalb der Metro, dann sind sie ein Gesicht unter Tausenden.

Bumm. Bumm. Bumm.

Die Metro bebt. Viele Gesichter. Und hinter jedem steckt eine Geschichte. So viele Tage, so viele Stunden, so viele Minuten voller Leben. Manche dieser Gesichter sind aus Stein gemeißelt und manche verzerrt. Sie sprechen von Müdigkeit und sie lassen Abenteuer erahnen. Aber es sind doch nur Gesichter. Augenpaare. Blicke. Geteilte Blicke. Manchmal denke ich mir, wie es wäre sich in einem Paar Augen zu verlieren. So braun, so blau, so grün. Nur für einen Augenblick. Augen sind blitzend, leuchtend und manchmal sind sie erloschen. Lebendig und schon lange gestorben. Ich weiß, ich weiß, die Gesichter und die Augen werden mir fremd sein, sie werden nur irgendwelche unter Tausenden sein- der Ausdruck in ihnen brennt sich dennoch ein. Du wirst ihn künftig mit dir tragen. Das Leid der Metro ist auch deines.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Eine weitere Station. Menschen steigen aus. Menschen steigen ein. Einer von ihnen trägt eine Geige bei sich. Er spielt wie der Teufel. So viel Leidenschaft, so viel Hingabe. Das haben wir nicht so oft, hier in der Metro. Menschen klatschen. Ein schöner Augenblick, wir sind alle irgendwie verbunden. Und dann ist der Augenblick wieder vorbei.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Der Geiger ist wieder vergessen. Die Leidenschaft, die Hingabe. Wir waren doch nie verbunden. Fremde sind wir, ein Leben lang. Wir haben geklatscht? Nein, wir doch nicht! Im Grunde sind wir uns selbst fremd.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Mein Rhythmus. Mein Herz pocht. Der Kopf ist schwer. Ich bin leer. Aber das ist doch der Rhythmus. Es ist die Leere in uns, die so laut schallt.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Er wird mich mein ganzes Leben nicht mehr loslassen.

Alles riecht. Schweiß, Parfüm, Knoblauch im Atem des Mannes, der sich an der Stange mir schräg gegenüber festhält. Waschmittel.

Geküsst wird viel in der Metro. Schmatzende Zungen, saugende Lippen.

Man muss die Augen zumachen und langsam und tief durchatmen.

Die Menschen in der Metro denken doch tatsächlich sie dürfen alles.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Wann kommt der nächste Stopp.

Ich will atmen.

Vielleicht steige ich an der nächsten Station aus.

Ja genau, das mache ich. Aussteigen. Atmen.  Weiterleben.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Menschen steigen aus. Und Menschen steigen ein. Ich sitze. Meine Beine sind mit dem Boden verwachsen. Ich bin der Boden. Nächste Station. Ich bin optimististisch.

Ich kann die Menschen in der Metro denken hören. Ich sehe grüblerische Mienen, ich sehe fröhliche und ich sehe friedliche Gesichter, gefangen im Griff des Schlafes.

Die Metro bebt. Windet sich durch enge, gekachelte und gewundene Tunnel, niemals passiert Etwas, die Metro eckt nirgendwo an, sie ist stetig auf der Suche nach dem Ende des Tunnels. Manchmal steht der Metro jemand im Weg. Er ist keine Komplikation. Die Metro nimmt ihn mit. Sie kann nicht für ihn anhalten. Das bedauere ich. Aber es kann mir nicht leid tun. So geht es uns allen.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Ich muss atmen. Wann kommt der nächste Stopp.

Stopp.

Eine weitere Station. Ich habe schon so viele gesehen in diesem Leben. Menschen steigen aus. Und Menschen steigen ein. Ich bin immer noch da. Und ich werde müde. Meine Füße stehen fest auf dem Boden. Oh, ich bin der Boden. Meine Beine sind so schwer.

Leuchtreklamen. Geplatzte Träumen. Ich erinnere mich. Ich beginne zu träumen. All diese Farben. All diese Versprechen. Davon gibt es in der Metro genug. In den gewundenen Tunneln. Das Boulevard der zerbrochenen Träume.

Da ist keine Luft mehr. Ich atme panisch, schnappe verzweifelt nach Luft. Wann kommt der nächste Stopp. Wann kommt der nächste Stopp. Wann kommt der nächste Stopp. An der nächsten Station steige ich aus!

Genau so mache ich das. Aussteigen. Atmen. Weiterleben.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Wann kommt die nächste Station. Die Luft geht mir aus.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Menschen steigen ein und Menschen steigen aus. Ich bin ruhiger als zuvor. Ich träume schon wieder. Bilder überfluten mich. Erzählen Geschichten anderer Stationen. Und da sind dann Augenpaare in denen mich unbewusst verloren habe, mit denen ich Blicke und Momente geteilt habe. Und ich fühle die Ausdrücke der vorbeiziehenden Gesichter, sie füllen mich aus. Da ist keine Leere mehr.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Menschen steigen aus.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

An der nächsten Station werde ich nicht aussteigen. Das macht nichts.

Die Metro wird diese Reise beenden, nicht ich.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Wie viele Stunden des Tages und wie viele Tage dieses Lebens, das vom Vergessen bestimmt ist, habe ich in dieser Metro verbracht. Wie viele Meter von Erde habe ich durchquert. Und wie oft, hatte ich mich nach den Sternen gesehnt, in dieser dunklen überfüllten Metro, denn diese Sterne hatten Freiheit beutet und Grenzenlosigkeit. Sie hatten eine so schöne Wahrheit vorgelogen. Sie waren anders als diese Metro.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Ich warte nicht mehr auf die nächste Station. Nur auf das Ende des  Tunnels.

Wir haben es bald gefunden.

Bumm. Bumm. Bumm. Bumm.

Stopp.

Auf Wiedersehen, Metro.

Adieu.

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