Wurzeln

Vielleicht habe ich für einen Moment zu fest geklammert.

Die Hand nicht losgelassen, als ich sollte, weil der Druck, der sie hielt, zu angenehm war.

Dennoch sind wir zerfallen. Zu Staub.

Zu dem wertlosen Haufen Atome, genetischen Müll, Abfall der Evolution, auf der Suche nach dem Sinn, Wahrheiten, Antworten, zu denen wir die Fragen noch nicht kennen.

Einzig und allein wissend, dass wir sie einander nicht verraten können.

Kein Band, kein Schwur, nichts- nichts währt für immer.

Ich habe es glauben wollen.

Die Wurzeln eines Baumes liegen tief. Und sie wachsen und wachsen, graben sich in die Erde ein, durchschlagen sie, bilden eine Einheit, eine Gemeinschaft, in der man alles miteinander teilt.

Das Ich verliert an Bedeutung und alles was noch bedeutsam ist, ist das Wir.

Und wir lernen darüber in der Schule und in uns festigt sich der Gedanke, die Wurzeln und der Boden sind eins. Die Jahre vergehen und bald weiß schon niemand mehr, wo die Wurzeln begonnen hat, wo dies alles seinen Anfang fand.

Aber das Ende, oh das Ende, das sehen sie alle.

Man lehrt uns vieles. Weisheiten, die uns so manchen Moment versüßen, die in anderen dennoch wie Tonnen von Blei auf unserer Brust lasten.

Die Wurzeln und die Erde sind nicht eins. Sie arrangieren sich miteinander, doch sie gehen ihren eigenen Weg. Und den gehen sie zumeist allein. Diesen Weg kann niemand voraussehen. Das ist das, was die Trennung so schmerzhaft macht. Die Wurzeln klammern ein letztes Mal, klammern an das letzte Bisschen,

das ihnen bleibt

aber auch sie begreifen schließlich

Da ist nichts mehr, das es festzuhalten lohnt.

Vielleicht habe ich für einen Moment zu fest geklammert.

Die Hand nicht losgelassen, als ich sollte, weil der Druck, der sie hielt, viel zu angenehm war.

Wir sind zerfallen.

Das schmerzte.

Aber es war ein schöner Schmerz.

Er erinnerte an das, was einmal war.

Man lehrt uns vieles. Und wir lernen und lernen und irgendwann kommt die Zeit, zu der wir uns allwissend wünschen. Aber die wichtigsten Lehren ziehen wir aus dem Schmerz.

Und dem Leben selbst.

Ich bin ein armer Baum.

Meine Wurzeln suchen noch. Sie greifen ins Leere. Immer und immer wieder.

Das Leben hat sie gelehrt nicht aufzugeben.

Ich bin ein armer Baum.

Aber im Grunde habe ich es bereits zuvor gewusst.

Ich habe es dennoch glauben wollen.

Einmal nicht loslassen zu müssen.

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